Julius-Maximilians-Universität Würzburg

VoIP auf Basis von snom Telefonen und Open Source Lösungen an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Wenn schon optimieren, dann richtig!

Für Aufsehen sorgte Helmut Celina vom Rechenzentrum der Universität Würzburg mit einem Vortrag, den er auf der 50. DFN-Tagung im März 2009 hielt. Der schlichte Titel: „VoIP auf Basis von Open Source an der Universität Würzburg.“ Hinter dieser eher nüchtern klingenden Überschrift stand jedoch ein für die Open Source Community ehrgeiziges Projekt. Nicht nur dass Herr Celina und sein sechsköpfiges Team dabei waren, die gesamte Telefonie der Universität bestehend aus immerhin 65 Gebäuden und ca. 3.500 Nebenstellen komplett auf Voice over IP (VoIP) umzustellen. Das Telekommunikationsteam des Rechenzentrums der Universität realisierte dies außerdem völlig selbständig - ein Pensum, welches so manche TK-Firma abgeschreckt hätte. Und darüber hinaus zählten die verwendeten VoIP Komponenten noch nicht einmal zu den klassischen Lösungen für Großunternehmen! Doch der Reihe nach:

Die Anforderungen an das neue System

Nachdem an der Universität wie in vielen öffentlichen Einrichtungen lange Jahre eine mit der Zeit völlig überlastete ISDN TK-Anlage von Siemens im Einsatz war, lief 2005 nicht nur der Wartungsvertrag aus, sondern es musste auch definitiv eine größere Lösung eingeplant werden. Angestoßen durch die Entwicklungen auf dem Telekommunikationsmarkt hatte man schon damals den Vorsatz gefasst, bei der nächsten TK-Umstellung ganz auf VoIP umzustellen. „Die alte Telefonanlage war wirklich bis zum letzten Anschluss ausgereizt“, erinnert sich Helmut Celina. „Egal, wer neu an der Universität anfing zu arbeiten – es gab einfach keinen freien Port mehr!“ Das bedeutete: Ersatz musste her, und zwar möglichst kostenoptimiert und jedem weiteren Wachstum gegenüber aufgeschlossen!

Erreicht werden sollte folgendes Grundkonzep

  • individuelle Rufnummer für jeden Mitarbeiter
  • eigene Rufnummern für Organisationseinheiten (Dekanate, Lehrstühle, usw.)
  • Rufnummern für Telefone in Fluren, Aufzügen, Seminarräumen usw., sowie
  • eventuell zusätzlich eigene Rufnummern für jeden Studenten auf dem Gelände
  • möglichst unbeschränkte Wachstumsmöglichkeiten

Angestrebt war damals der Anschluss von über 3.500 Telefonen, die darüber hinaus in der Lage sein sollten, mehrere unterschiedliche Identitäten zur Verfügung zu stellen. „Das ist ein großer Vorteil von VoIP Telefonen“, erläutert Helmut Celina. „Durch die Möglichkeit der Einrichtung von unterschiedlichen Benutzerkonten sind die Mitarbeiter völlig ungebunden von ihrem Arbeitsort. Über eine persönliche PIN kann sich jeder an dem Arbeitsplatz anmelden, an dem er sich gerade aufhält, und hat sofort seine persönlichen Telefoneinstellungen zur Verfügung. Auf der anderen Seite sieht jeder Angerufene jederzeit die ihm vertraute Rufnummer und den Namen des Gesprächspartners. Und das Beste ist: Das funktioniert bei uns in absehbarer Zeit auch international, d.h. ich könnte dann z.B. von Washington D.C. über meine Würzburger Identität kostenfrei meine Kollegen im Rechenzentrum erreichen!“ Vorteile, die ganz klar für die Umstellung auf VoIP sprechen. Wenn man dann noch die Kostenersparnis einbezieht, die etwa bei Neubauten dadurch entsteht, dass nur noch ein Netz für Daten und Sprache benötigt wird, werden die Vorteile dieser Technik noch deutlicher.

Erste Erfahrungen mit VoIP

Soweit zur Planung. Während die Kollegen vom Technischen Betrieb, die früher für den Bereich Telekommunikation zuständig waren, sicher über den Wegfall dieses aufwendigen Gebietes erfreut waren, wurde im Rechenzentrum der Julius-Maximilians-Universität eine neue Arbeitsgruppe gegründet, die sich ausschließlich mit der Aufgabe VoIP und deren Umsetzung befasste. „Da bei VoIP die gleichen Datenbahnen wie für das gesamte Netzwerk genutzt werden, war das nur eine logische Konsequenz der Umstellung“ erläutert Diplommathematiker Helmut Celina.

Erste Erfahrungen mit VoIP hatte man schon mit der Anbindung von zwei kleineren Gebäuden in den Vorjahren gesammelt, bei denen die alte ISDN TK-Anlage nicht mehr weiterbetrieben werden konnte. Für die damals insgesamt 150 Teilnehmer hatte man eine sogenannte „offene“ Lösung, bestehend aus snom Telefonen (snom 360) und einer Asterisk pbx (Telefonanlage) angeschafft. Dies hatte neben der pragmatischen und schnellen Lösung für die Nutzer den zusätzlichen positiven Effekt, dass man sich gleichzeitig mit der neuen Technologie auseinandersetzen konnte. „Diese open source Lösung war für uns im ersten Schritt zunächst sehr preisgünstig und unkompliziert zu erwerben“, meint Helmut Celina „Durch den offenen Standard ergab sich außerdem die Möglichkeit, viele Merkmale wie z.B. „Chef/Sekreteriat“, die damals nur selten von VoIP-Anlagen und Telefonen angeboten wurden, zu installieren und auszuprobieren. Und unsere Erfahrungen waren gut.

Die damals eingesetzten VoIP Telefone snom 360 und die Asterisk pbx (damals Version 1.4.) bewährten sich gut, ließen sich unproblematisch in Betrieb nehmen und zeichneten sich durch eine gute Bedienbarkeit für Techniker und Nutzer aus.“

Die erfolgreiche Migration

Das Resultat der Ausschreibung für die VoIP Telefone war für alle Beteiligten einerseits überraschend und andererseits sehr angenehm, da es sich um einen „alten Bekannten“ handelte. Die Ausschreibung gewann die snom technology AG aus Berlin mit dem snom 370. Helmut Celina war sehr zufrieden mit den komfortablen snom 370. „Wenn wir schon neue Telefone anschaffen, dann auf einem möglichst hohen Niveau, damit unsere Endanwender sie noch lange und zufrieden nutzen können“, so seine Devise.

In der Folge wurden zahlreiche Rollout Termine vereinbart, an denen zunächst die snom 370er an den einzelnen Arbeitsplätzen parallel zu den alten Telefonen aufgestellt wurden. Vorsichtshalber hatte man im Rechenzentrum nämlich beschlossen, für eine Übergangszeit ISDN und VoIP parallel laufen zu lassen, um technischen Problemen bzw. Anfangsschwierigkeiten bei den Nutzern des snom 370 ohne Druck begegnen zu können. „Alle 3.500 Telefone auf einmal zu konfigurieren und zu integrieren, hätte unsere Kapazitäten bei weitem überschritten“, erläutert Helmut Celina „Aber in stufenweisen Schritten konnten wir dafür Sorge tragen, dass immer ganze Institute oder Gebäude gleichzeitig ans Netz gingen.“ Im September 2008 wurden die ersten 500 Mitarbeiter mit ihrem neuen Telefon vertraut gemacht. Und die Neuen von snom wurden sehr schnell angenommen, boten sie im Zusammenspiel mit der selbst konfigurierten Asterisk-Anlage doch einige Merkmale, die bei den alten Telefone nur sehr, sehr umständlich, nur ausgewählten Nutzern oder gar nicht zur Verfügung standen, wie z.B.:

  • Anrufbeantworter
  • Rufumleitung
  • Do not disturb Funktion (DND)
  • Chef-Sekretariats-Funktionen
  • Kurzwahlen, Anruflisten
  • Telefonbuchanbindung, Namenwahl
  • Konfiguration auch über die Webseite, etc.

Diese Funktionen, gepaart mit der sehr guten Sprachqualität, sorgten dafür, dass sich die Mitarbeiter der einzelnen Fakultäten sehr schnell an ihr neues Telefon gewöhnten. Kaum war das neue snom 370 an seinem jeweiligen Platz, wurde es meistens schnellstens ausprobiert und ab dann auch dauerhaft eingesetzt. „Dieser in allen Bereichen sehr gute Ablauf übertraf tatsächlich unsere Erwartungen“, erinnert sich Helmut Celina „Tatsächlich hatten wir mit einigen Anfangsschwierigkeiten gerechnet – und zwar sowohl auf technischer Ebene als auch auf Seite der Nutzer. Beides blieb bei der Asterisk pbx und den snom 370 aus, was uns natürlich viel Zeit und Nerven gespart hat. Das wiederrum führte dazu, dass wir anstatt der ursprünglich geplanten 3.500 nun über 4.500 Telefone anschließen!

Die von anderen Nutzern sehr geschätzte Möglichkeit, das snom 370 auch über das Netzwerk mit Strom zu versorgen (Power over Ethernet, PoE) kam auf Grund der in den Gebäuden der Universität verlegten Glasfaser zwar nicht in Frage, aber das snom 370 musste seine Fähigkeiten dennoch unter erschwerten Bedingungen beweisen. So arbeiten z.B. einige Geräte in drei per Tunnel angebundenen Gebäuden, d.h. Bauten, bei denen das Kommunikationsprotokoll des Netzwerkes als Transportmittel für Daten an einen netzfremden Server dient. In einem anderen Fall ist das Netzwerk über WLAN angebunden, und auch hier arbeiten die snom 370 ohne Schwierigkeiten! Technische Probleme machen derzeit lediglich einige Faxgeräte, die aufgrund der noch nötigen Kopplung zur Alt-Anlage über T38 angebunden werden müssen. „Hier hinkt die Realität der Universität der VoIP-Welt ein wenig hinterher“, erklärt Helmut Celina „Faxe sind bei uns meist noch echte Apparate und keine Software!“ Doch auch dieses Problem ist durch den offenen Standard höchstens ein temporäres. „Im Notfall installieren wir übergangsweise noch eine kleine ISDN Anlage nur für unsere Faxe“, ergänzt Helmut Celina.

Wenn schon, dann aber richtig!

Das Fazit dieser Großinstallation ist jedenfalls ein für snom und die Open Source Community sehr erfreuliches: „Die meisten Beschwerden, die wir bekommen haben, betrafen entweder die Rufnummern, die die Kollegen nicht mochten, oder das Zuviel an Komfort! So stieß z. B. die Möglichkeit der Mehrfachnutzung eines snom 370 mit unterschiedlichen Identitäten tatsächlich bei einigen Mitarbeitern auf Widerstand, und auch die Umstellung auf personengebundene Telefonnummern findet im Moment nicht nur Freunde. Aber davon abgesehen sind die Kollegen natürlich sehr angetan von der Tatsache, dass sie jetzt direkt vom Campus aus betreut werden, was sehr schnelle Reaktionszeiten ermöglicht. Für die Zukunft werden wir auch die Mitarbeiter der Telefonvermittlung auf VoIP mit snom Telefonen schulen. Die Technik ist nicht schwer zu verstehen, und die größten Schritte in Punkto Installation und Bedienung sind getan.“

Wenn als Fazit einer Umstellung in diesem großen Umfang sowohl von Seiten der Techniker als auch der Nutzer höchstens ein „Zuviel“ an Möglichkeiten bemängelt wird, haben die beteiligten Institutionen wohl alles richtig gemacht!

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